Bayliner 642


Peter Lässig am 09.04.2014

 

Only you: Der praktische, gut 6,5 m lange Allrounder aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten eignet sich für Tagestouren und Wochenend-Trips.


Die 642 Cuddy ist der kleinste Daycruiser von Bayliner und soll mit der Testmotorisierung 1600 kg auf die Waage bringen. Für Trailerkapitäne bedeutet das ein Zugfahrzeug, das minimal 2,2 t auf den Haken nehmen darf. Bayliner gehört zum amerikanischen Brunswick-Konzern, der neben anderen Booten diese Marke in Polen bauen lässt, und da arbeitet man sichtbar sauber und ordentlich.

So fällt die gesamte Verarbeitung bis auf ein paar Kleinigkeiten gut aus. Außen blickt man auf hochwertiges und glänzendes Gelcoat, innen überwiegend auf einen Schutzanstrich auf dem Laminat, aber nicht alle Kunststoff-Schnittkanten zeigen sich behandelt. Lob gebührt dem Kantenschutz für die Kabeldurchfüh- rung unter dem Armaturenbrett. Die Polsternähte gefallen, das Polstermaterial weniger, es erscheint schmutzempfindlich.

Fahren und Manövrieren


In langsamer Fahrt durchmessen die Drehkreise in Vorwärts- und Rückwärtsfahrt bis eineinhalb Bootslängen. Rückwärts eingekuppelt braucht es einen kleinen Moment, bis sich der Bug beim Umsteuern bewegt, und beim Rückwärtsfahren geht’s überwiegend geradeaus. Das bedeutet: wendig, sofern nicht Seitenwind oder Querströmung dazwischenkommen.

Die langsamen Passagen fahren wir mit maximal 5 kn bei 1500/min, damit die vom Boot erzeugten Wellen nicht stören. Wechselt dabei jemand seinen Platz, beeinflusst das minimal Kurs und Krängung. Der Geradeauslauf hängt davon ab, ob man auf dem Main gegen oder mit der Strömung fährt. Gegen den Strom braucht es hin und wieder eine Kurskorrektur. Ohne sich allzu viel zu vertrimmen, geht das Testboot zügig ab 2500/min von Verdrängerfahrt in den Gleitzustand über. Die kleinste Gleitfahrt messen wir mit einer Person an Bord bei 2900/min (knapp 12 kn) Fahrt. Die Sicht bleibt währenddessen stets gut erhalten. Bei Vollgas dreht der Motor maximal, was der Hersteller erlaubt (4800/min).

Wirtschaftlich ist man mit dem Testboot in schneller Gleitfahrt unterwegs, wenn der Motor 3500/min dreht und das Log 20 kn anzeigt. Dann reicht eine Tankfüllung für einen theoretischen Aktionsradius von 91 sm plus 15 % Reserve. In langsamer Fahrt muss man nach etwa 95 sm und bei Vollgas nach rund 71 sm nachtanken, soll die Reserve erhalten bleiben. Damit verfehlt das Testboot unsere Minimalforderung von wenigstens 100 sm Aktionsradius plus Reserve. Das werten wir noch mit "ausreichend", wie auch den Testpunkt "Schallisolierung", da unser Messgerät in wirtschaftlicher Fahrt 79 dB/A anzeigt und es erst bei Vollgas laut wird.

Durchweg positiv verlaufen mit Vollgas gefahrene Extremmanöver. In den immer engeren Kurven neigt sich die 642 Cuddy annehmbar zum Kurvenmittelpunkt und zieht am Ende mit Geschwindigkeiten im unteren Gleitbereich ihre Bahnen. Ohne Zögern nimmt sie nach dem Herauslenken wieder Fahrt auf. Die 180°-Wenden absolviert sie innerhalb von etwa 2 bis 3 Bootslängen durchmessenden Kurven in einem Rutsch, ohne dass der Rumpf einhakt.

Bleibt dabei der Power-Trimm in optimaler Position, ist das Manöver mit ein- bis zweimaligem Schaukeln verbunden. Trimm ganz bei: kein Schaukeln. Die entstehenden Fliehkräfte bereiten keine Probleme. Auf dem imaginären Slalomkurs bringt man das Testboot gut, aber ungefährlich über die Längsachse zum Pendeln, beim Verreißen des Ruders folgt die Cuddy klaglos dem eingeschlagenen Kurs. – Rauwasser war auf dem Main nicht vorhanden.

Der Fahrer sitzt sicher auf einem drehbaren und in Längsrichtung verstellbaren Schalensitz, der extra kostet, und dessen vordere Fläche für erhöhtes Sitzen hochgeklappt werden kann. Der Analogkompass ist Standard, das Echolot nicht, einen Scheibenwischer gibt es ebenso wenig. Leicht störend sind die Reflexionen der Instrumente und des hellen Untergrundes. Beifahrer sitzen an Backbord auf der L-förmigen Bank im Cockpit entweder vor oder hinter der klappbaren Rückenlehne vorn. Ein Griff an der Kabinenwand und zwei unterhalb der Sitzfläche bieten drei Personen Halt.

Motor, Tank, Elektrik


Maximal 220 PS sind erlaubt, wir fahren die 642 Cuddy mit einem 135-PS-Vierzylinder von MerCruiser, dessen Abgase von einem Katalysator gereinigt werden. Das macht Boot und Motor auch für den Bodensee interessant. Mit dem Vierzylinder kommt die Cuddy erstaunlich flott voran und sollte sich auch zum Wasserskifahren eignen, wenn nicht, wie auf dem CE-Schild erlaubt, maximal sieben Personen im Boot sitzen.

Ein Teil der Heckbank und Sonnenliege sind auf dem Motorraumdeckel untergebracht. Steht er offen, ist neben dem Motor alles gut zugänglich, und man kann das Verdeckgestänge aufklappen. Der Deckel  ist aber mit Vorsicht zu öffnen, da Gasdruckdämpfer den Vorgang beschleunigen und als Stopp zwei angeschraubte Nylonbänder dienen. Ein Kunststofftank steckt unter dem Cockpitboden und lugt in den Motorraum; ein Kraftstoffhahn ist ebenso wenig vorhanden wie ein Vorfilter. Die Batterie steht in einer Kunststoffbox, deren Bügelhalter unsere Extremmanöver nicht überstanden haben. Der dazugehörige Knebel-Hauptschalter ist im Motorraum eingebaut, die Sicherungen unterm Armaturenbrett.

Sicherheit


Hier punktet die Cuddy 642 mit ihren sicheren Fahreigenschaften. Das ist aber auch der niedrigen Motorisierung zu verdanken, da der Rumpf mit dem Testmotor nicht gefordert wird. Die Cockpitinnenhöhe stimmt, und begehbare Flächen sind mit Antislipstruktur versehen. Der Aufgang aufs Vordeck ist dank Treppenschiebetür sicher und bequem, nur fühlt man sich dort wegen der zu niedrigen Handlaufreling nicht recht wohl. Minus: keine Handlenzpumpe. Plus: serienmäßige Feuerlöschanlage im Motorraum; das Cockpit lenzt außenbords.

Wohnen, Cockpit und Ausrüstung


Legt man in der Schlupfkabine die Rückenlehnen in die Mitte, wird aus der V-Sitzbank eine Koje für zwei. Unter dem Eingang lässt sich ein Chemieklo hervorziehen, und Licht gelangt durch zwei Deckenfenster und zwei Bullaugen. Gestaut wird in der Sitzbank, gelüftet durch Bullaugen und Schiebetür. Serie sind sechs Belegklampen, Zugösen vorn und hinten, Wasserskizugöse über der Badeplattform, Klappbadeleiter samt Haltegriff und nicht attestierte Navigationslampen plus Ankerkasten mit Bugbeschlag.

Pfiffig ist die Lösung, an Steuerbord die Sonnenliege klappbar zu gestalten. So lässt sich ein Weg ins Boot schaffen, wenn zusätzlich noch Polster der Heckbank entfernt werden. Gut ist, dass man unter dem klappbaren Längsschenkel der Sitzbank und im Cockpitboden Staufächer eingebaut hat. Die Standardausrüstung reicht zum Fahren, was aber den Komfort erhöht, muss man extra kaufen. Eine vernünftige Scheuerleiste ist nicht vorhanden.

 

Die Werft sagt ... 

Die Bayliner 642 Cuddy ist ein moderner und vielseitiger Daycruiser für Europa. Das Boot eignet sich gut für offenes Wasser. Man kann Wassersport betreiben und/oder sich erholen. Die Schlupfkabine, der große Ankerkasten und die Extras –wie Waschbecken, Heckdusche und Chemieklo – machen aus der 642 Cuddy ein Boot, das sich auch zum Übernachten eignet.

 

Wir sagen ...

Das Boot passt für Europa und eignet sich, was die guten Fahreigenschaften angeht, auch für Küstengewässer. Dass man Dinge für den Komfort extra kaufen muss, ist in dieser Klasse eher normal. Jedenfalls ist die 642 Cuddy groß genug, um auch mal einen längeren Törn mit Übernachtungen absolvieren zu können.


Quelle: www.boote-magazin.de

Bayliner 642 Cuddy